Das Befremdliche an der Identität

Claudia Münzing
Fantasie und Botschaft
Diese Woche stieß ich beim Zappen auf eine Dokumentation über derzeitige nationale Bewegungen in Europa, inklusive einiger Interviews mit Menschen, die sich selbst als Patrioten bezeichnen, als Retter ihrer jeweiligen Nation empfinden, sich als Hüter über Werte von Familie und als moralische Instanzen stilisieren und dabei eine Selbstgerechtigkeit und Überlegenheit an den Tag legen, die ihresgleichen sucht. Jetzt könnte man als aufgeklärter und einigermaßen vernunftbegabter Mensch einerseits lachen, kurz den Kopf schütteln und sich mit wichtigeren Dingen beschäftigen, andererseits könnte man auch etwas länger ins Nachdenken geraten, nicht nur über einen neuen Nationalismus bei vergleichsweise jungen Menschen, sondern über das seltsame Konstrukt von Identität egal welcher Art.
Nach jahrelanger Beschäftigung mit geschlechtlichen und sexuellen Identitäten, nach tausenden von Stunden Foucault und Butler, nach zahllosen Texten und Gedichten aus meiner eigenen Feder und nach 20 Jahren Zugehörigkeit zur lgbt-community muss ich seit einiger Zeit feststellen, dass mich das Thema Identität mehr und mehr befremdet. Was soll das eigentlich sein, Identität? Wieso muss ich mich überhaupt anhand von Körper, sexuellen Handlungen, der Zugehörigkeit zu einem Staat, meiner Ernährungsweise, meiner Denkweise, meiner WAS AUCH IMMER definieren? Wieso scheinen wir das Bedürfnis zu haben, uns über Identitätskonstrukte einerseits von anderen Menschen abzugrenzen, andererseits uns bestimmten anderen Menschen, die wir nicht einmal persönlich kennen, zuzuwenden? Sicher, ich verstehe es, dass mensch eine Peer-Group braucht, eine Familie oder besser eine Wahlfamilie, denn auch ich fühle mich mit mir Gleichgesinnten am Wohlsten, fühle mich verstanden und angenommen von denen, die so sind wie ich oder so denken wie ich, aber ich habe diejenigen weder nach ihrer sexuellen Orientierung, noch nach ihrem Geschlecht, ihrer Staatszugehörigkeit, ihrer Religionszugehörigkeit oder ihrem Alter ausgesucht. Vielmehr sind sie mir einfach begegnet, wir sind ins Gespräch gekommen, haben uns gemocht, waren, wie man so schön sagt auf einer Wellenlänge, sind Freunde oder gar Vertraute geworden, teilen unsere Sorgen, aber auch unsere Freuden miteinander, sind manchmal einer Meinung, oft aber auch nicht, sind trotzdem füreinander da, helfen uns, lachen und weinen miteinander.
Und all das hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit Identität zu tun, sondern mit Menschsein, mit Toleranz, mit Respekt, mit Offenheit, mit leben und leben lassen. Umso befremdlichere Gefühle beschleichen mich, wenn ich Aussagen von Leuten höre, für die die sichtbaren und unsichtbaren Differenzierungen, die gleichsam als Naturgesetzlichkeiten daherkommen, von so enormer Wichtigkeit sind, dass sie sich nicht einmal mehr die Mühe machen, Menschen aus anderen Gruppen kennenzulernen, sich mit ihnen zu unterhalten, eventuell sogar Gemeinsamkeiten zu entdecken, die jegliche Identitätskonstrukte ad absurdum führen würden, und die dieses alberne WIR und die ANDEREN aufheben würden. Denn das ist es doch, worum es eigentlich geht bei der Identität: mir san mir und und nur mir san guat. Oder so. Wie kleingeistig! Wie beschränkt! Wenn wir schon eine Identität brauchen, wieso definieren wir uns dann nicht über unser MENSCHSEIN??? Wir sind Menschen! Und ja, wir sind verschieden, wir sehen verschieden aus, wir leben an verschiedenen Orten, aber der übergeordnete Ort ist der Planet Erde, den teilen wir alle, und das übergeordnete Kriterium unserer Spezies heißt homo sapiens sapiens, und bis zu einem bestimmten Grad sind wir auch alle vernunftbegabt und fähig, uns bewusst zu machen, dass die Gemeinsamkeiten die Unterschiede in jeder Hinsicht übertreffen!
Es ist an der Zeit, dass wir wieder in erster Linie MENSCHEN werden, nicht America first oder Germany first oder Heteros first oder Muslims first oder Christians first oder WAS AUCH IMMER FIRST, sondern HUMANS FIRST! Das kann doch nicht so schwer sein, oder?
Wir müssen endlich damit anfangen uns zu fragen, wem die Identitätskonstrukte eigentlich dienen, ob sie nicht eventuell schon seit langer Zeit dazu missbraucht werden, die existierenden Herrschaftsverhältnisse zu verschleiern und genau dadurch zu stabilisieren, ob es nicht einigen wenigen nutzt, dass die Mehrheit sich gegenseitig an den Kragen gehen will, dass es viele fragmentierte Identitäten und Gruppenzugehörigkeiten gibt, aber keine übergeordnete Identität Mensch, und dass bei all dem Schwachsinn und all der Grausamkeit, die historisch betrachtet Identitäten jeglicher Art schon mit sich gebracht haben, nicht endlich ein kollektives UMDENKEN erfolgt.
Vielleicht wäre es gar nicht so blöd, genau darüber einmal nachzudenken, vielleicht würde es helfen, in den anderen einfach mal Menschen zu sehen statt Frauen, Männer, Schwule, Lesben, Deutsche, Araber, Christen, Moslems, Veganer, Ausländer, Inländer, etc.
Ich für meinen Teil versuche es zumindest, auch wenn es manchmal nicht einfach ist, die eigene Tiefenindoktrination zu erkennen und zu überwinden. Es würde mich freuen, wenn ein paar mitmachen: C´MON PEOPLE, DON T LET ME DOWN!

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