Vom Prekariat

Prekär: misslich, schwierig, heikel; aus frz. précaire: durch Bitten erlangt, widerruflich, unsicher
Wohin mensch heutzutage schaut, prekäre Zustände, missliche Lagen, Unsicherheit, Brotkrumen für die Massen, Kuchen für die Eliten, eine a-soziale und unsolidarische Gesellschaft, stärker werdende faschistische Strömungen, absurde Gehirnwäsche durch Werbung und Medien, ein durch und durch kommerzialisierter Kunst- und Kulturbetrieb, Konkurrenz- und nicht Kooperationsmentalität, Warenfetischismus und Konsumzwang, Scheindemokratie, Scheinheiligkeit der scheinbar politisch Verantwortlichen, Umweltzerstörung, moderne Sklaverei, religiöser Wahn, legitimes Morden, fehlende Intelligenz der dumm gehaltenen Horden, kurz gesagt, Prekariat all over. Um jetzt hier keine einseitige Schwarzmalerei zu betreiben, halte ich fest, dass es auch noch ein paar Stimmen der Vernunft gibt, ein paar Leute, die den Um- und Zuständen den Spiegel vorhalten oder dem Wahnsinn die Stirn bieten oder so wahnsinnig werden, dass sie kurzerhand komplett aus dem Rahmen und aus der Rolle fallen und sich dem allgemeinen Denken und Handeln verweigern, sich auf die Suche nach ihren eigenen Kräften und Mächten machen, das so genannte Außen ausblenden und statt dessen die inneren Welten bereisen, die magischen und mystischen, die im besten Sinne esoterischen.
Ich selber bin immer hin- und hergerissen zwischen Widerstand gegen das Außen und bedingungsloser Akzeptanz von allem, was sich ereignet, im Innen, weshalb ich auch nie weiß, ob ich jetzt einen „politischen“ oder einen „esoterischen“ Essay schreiben soll, ob ich überhaupt noch etwas schreiben soll, oder aber lieber in der Stille verharre, in der Position der neutralen Beobachterin, die nicht mehr wertet, sondern nur noch wahrnimmt, ohne allerdings davon auszugehen, dass das Wahrgenommene auch das Wahre oder die Wahrheit sei. Es ist ein existenzieller Widerspruch, der sich nicht so ohne weiteres auflösen lässt, den es zunächst einmal auszuhalten gilt, um dann vielleicht so etwas wie „Politische Esoterik“ oder „spirituelle Politik“ zu betreiben, Eso-Tik oder Spiri-Tik, oder wie auch immer. Was mir immer klarer wird, ist, dass sich das Prekariat in erster Linie auf den geistigen Zustand der meisten Menschen bezieht, dass da im Inneren der Menschen etwas nicht stimmt und dass sich das Außen dementsprechend manifestiert, mit all dem Schrecklichen und Absurden, mit all der Täuschung und all den Lügen. Das Innere des Menschen, eigentlich der heiligste und schützenswerteste Ort, wird mit Gewalt zugerichtet und zugemüllt, der Geist der Menschen, der kurz nach der Geburt noch offen ist für die feineren Schwingungen, wird durch Sozialisation und Erziehung immer enger und düsterer, die Wahrnehmungsebenen werden immer banaler, das fantastisch Kindliche wird zum engstirnig Erwachsenen, im Prinzip ist das umgekehrtes Wachstum, statt die Pflanze des Geistes zu nähren wird sie ausgehungert, zurechtgestutzt, „kultiviert“. Aber was ist das für eine Kultur, die sich gegen die Natur wendet, was ist das für eine Kultur, die nicht auf Gedeihen, sondern auf Verderb ausgerichtet ist, die den Menschen gleichsetzt mit Dingen, oder sich den Menschen über Dinge definieren lässt, was ist das für eine Kultur, in der absurde religiöse Wahnvorstellungen Milliarden von Geistern besetzen, die sich dann auch noch im Namen ihrer jeweiligen Religion gegenseitig hassen und umbringen, was ist das für eine Kultur, in der 1% der Menschen die übrigen 99% brainwashen, ausbeuten und beherrschen, was ist das für eine Kultur, die systematisch Vereinzelung und Vereinsamung generiert, die den Menschen das Jeder-gegen-Jeden-Spiel einimpft und dabei keine Rücksicht auf Verluste nimmt, sondern vorher ausrechnet, wie viele Verluste dabei wohl produziert werden, anders gesagt, die collateral damages nicht als Folge, sondern als Voraussetzung erachtet, für den nächsten Friedenseinsatz versteht sich, was ist das für eine Kultur? Die Antwort ist einfach: GAR KEINE. Das ist nicht mehr und nicht weniger als Barbarei, geistige Umnachtung und physischer Krieg, und zwar auf allen erdenklichen Ebenen. Und nun? Was tun?
Sich einen neuen Kult überlegen und eine eigene Kultur erfinden? Seinen Kulturbeutel packen und den Planeten verlassen? Sein eigenes Bewusstsein reinigen und dann abschirmen und auf den großen Knall warten? Sich aus dem Prekariat des Geistes befreien, um dann als Freigeist durch den Diksurs zu geistern und hier und da eine Botschaft für diejenigen zu hinterlassen, die dafür bereit sind? Einfach alle dazu aufrufen, aufzuwachen, sich die Augen zu reiben und klar zu sehen, was wirklich ist? Ich weiß, das ist schwierig, weil ja alle ihre eigene Wirklichkeit haben und ihre eigene Wahrheit, aber mensch könnte zumindest einmal damit anfangen, zu hinterfragen, wo die herkommt, ob sie aus dem Außen oder aus dem Innen kommt, ob sie dem Krieg oder dem Frieden dient und welchem Herren mensch lieber dienen will, und ob sie einem selbst ein gutes oder ein schlechtes Gefühl gibt, ob sie das Herz weit oder eng macht, ob sie prekär oder nährend ist, hasserfüllt oder liebevoll. Und vielleicht findet mensch dann in sich selbst doch noch eine Möglichkeit, das Prekariat zu beseitigen und ein anderes Außen zu erschaffen, sich mit den anderen Freigeistern zu verbinden und zu verbünden und die schwarz gemalten Wände mit Farbe zu bespritzen, Schritt für Schritt, nach und nach.

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