Von der Abwesenheit der Zeit auf der psychischen Ebene

(in Gedanken an Krishnamurti)
Wenn ich mich physisch von A nach B bewegen will, dauert es je nachdem, wie schnell und auf welche Art ich meinen Körper durch den Raum bewege, eine bestimmte Zeitspanne.
Wenn ich mich psychisch egal wohin bewegen will, bin ich da, ab dem Moment, in dem ich den Gedanken gefasst habe.
Dies ist eine ungeheuerliche Erkenntnis, die ungeheuerliche Konsequenzen nach sich zieht. Ich kann gedanklich in jedem Moment überall hin reisen, ich kann mich in den Kosmos begeben, kann mich mit der Sonne vereinen, ich kann zu allem werden, was ich mir (aus)denken kann, weil ich mich psychisch IMMER auf der Möglichkeitsebene befinde. Auch wenn wir physisch den Begrenzungen und Beschränkungen des Raums und der Zeit unterliegen, psychisch sind wir IMMER frei, psychisch ist immer JETZT, und wenn wir diese Tatsache annehmen, verinnerlichen und leben, dann können wir in wahrer Freiheit leben, dann brauchen wir nichts und niemanden mehr, der uns eine wie auch immer geartete Freiheit von außen gewährt, dann brauchen wir keine äußeren Kontrollinstanzen mehr, weil wir selbst über unser Inneres die Kontrolle übernommen haben, weil wir durch unseren eigenen inneren Raum navigieren, weil wir unsere eigenen inneren Himmel in unseren eigenen inneren Gefährten umschiffen, so wie wir das wollen, und nicht, wie wir das sollen oder zu müssen scheinen.
Das bedeutet nicht, dass wir uns nun komplett von der äußeren und der körperlichen Welt verabschieden sollen, denn so lange wir in der Form „Mensch“ existieren, spielt auch sie eine wichtige Rolle. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist die der Priorität. Alle Aufmerksamkeit in unseren modernen westlichen Gesellschaften mit ihren materialistischen Weltbildern ist auf das Außen gerichtet, menschliche Entwicklung wird anhand äußerer Kriterien definiert, und die Wertigkeit eines Menschen wird anhand seines von außen erkennbaren ökonomischen Status festgelegt und festgeschrieben. Wer sich weigert, dieses oberflächliche Spiel mitzuspielen und sich erdreistet, das Augenmerk nach innen zu richten und sich um seine seelische Entwicklung zu kümmern, wer sich den inneren Welten und Ereignissen zuwendet, wer die Psyche der Physis vorzieht, der wird geächtet und ausgegrenzt, der wird vermehrt scheinbaren äußeren Zugzwängen unterworfen, oder er wird gleich für verrückt und „geistes“krank erklärt.
Dabei sind es doch gerade diejenigen Mächte und diejenigen Menschen, die sich der Materialität und dem Außen verschrieben haben, deren Geist krankt, deren Entwicklung hinkt und deren Moralität sinkt und sinkt und sinkt. Freiheit wird bei ihnen in Bezug auf die Möglichkeit Güter jeglicher Art zu konsumieren gedacht, dabei ahnen sie nicht einmal, was die Essenz der Freiheit, wenn sie sich auf das Innere bezieht, in ihrem Leben und in ihrer Existenz als Mensch auslösen und bewirken könnte.
In letzter Zeit beschleicht mich des Öfteren das Gefühl, dass viele meiner Mitmenschen irgendwie ferngesteuert sind/werden, dass sie irgendwie gar nicht in sich selbst anwesend sind, irgendwie gar nicht da. Es kommt mir so vor, als wären sie zu Typen à la „American Psycho“ mutiert, zu hirn- und seelenlosen Marionetten in einem Puppentheater des Grauens, zu Akteuren ohne eigenen Willen und ohne Eigenwillen, verblendet oder gar hypnotisiert von Zahlen, verwünscht von den Dingen, die sie zu besitzen glauben, gefangengesetzt von dem Status, den sie zu besetzen glauben, hirngewaschen und in Form gebügelt, fremdkontrolliert und fremdgezügelt. Und so rennen sie dem unsinnigsten Paradigma hinterher, welches die Welt je im Griff hatte, nämlich „Zeit ist Geld“. Sie geben sich der Illusion hin, dass sie mit ihren Besitztümern die Zeit entweder aufhalten oder sogar beschleunigen können, aber es geht ihnen immer nur um die äußere Zeit, um die Zeit der Uhren und der Maßeinheiten, und so vergessen sie mehr und mehr, dass eigentlich die Ewigkeit in jedem Menschen wohnt, und dass die Seele eines jeden zeitlos und unendlich ist.
Innerlich muss sich niemand beeilen, niemand muss sich hetzen, niemand muss sich verlangsamen oder verzögern, innerlich gibt es in Wirklichkeit nur das SEIN, die GEGENWART, den unendlichen MOMENT.
Wie sehr ich mir wünsche, dass die Menschen endlich zur Besinnung kommen. Wie sehr ich mir wünsche, dass all die Marionetten endlich die Fäden durchtrennen und sich in ihr eigenes Inneres begeben. Wie sehr ich mir wünsche, dass sich die Welt der Physis der Welt der Psyche angleicht und nicht umgekehrt, wie sehr ich mir wünsche, dass der Wert des Lebens nicht mehr bemessen oder gar abgewogen wird, sondern einfach IST, weil alles Lebendige gleich ist und voneinander abhängt, wie sehr ich mir wünsche, das wir das Zeitlose in uns und den anderen ehren und lieben, und dass wir in der ewigen und unendlichen Stille des JETZT verweilen und heilen.

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